Reaktiver Verstand

 
“Verstand” ist eigentlich eine falsche Übersetzung. (Siehe dazu die Anmerkung am Ende des Textes.). Der R.V. ist per Hubbards frühzeitiger*) Definition die einzige Quelle von
Aberrationen* und psychosomatischen* Krankheiten.

*) Hubbard differenzierte später seine Aussagen zu diesem Thema und verkündete, dass nur Postulate* ein Wesen aberrieren könnten.  

Der Begriff bezeichnet prinzipiell das, was die Freudsche Psychoanalyse* das Unbewusste nennt. Es handelt sich um einen Bereich, in dem Erfahrungen des Individuums gespeichert sind, die wegen ihrer schmerzlichen Natur* “verdrängt” wurden und deshalb dem Bewusstsein nicht (mehr) zugänglich sind. Gleichwohl haben sie Auswirkungen auf die Stimmungslage einer Person, auf ihr körperliches Wohlbefinden (einschließlich Krankheiten), auf ihre Ziele, Gedanken und Entscheidungen, auf ihre Beziehungen zu anderen usw. 

Der R.V. arbeitet auf einer Reiz-Reaktions-Basis und denkt deshalb nicht analytisch. Seine Wahrnehmungen und Entscheidungen sind irrational. Die Menschheit wusste lange Zeit gar nichts über den R.V. Selbst seine Existenz war nicht bekannt. Aus einzelnen Manifestationen menschlichen Verhaltens hat man sich im Laufe der Zeit induktiv der Vorstellung genähert, dass dafür etwas verantwortlich sein müsste, das nach einem bestimmten, sich wiederholenden Schema abläuft. Freud hatte zunächst das richtige Konzept, geriet jedoch auf Abwege, als er die These aufstellte, dass das Unbewusste prinzipiell auf verdrängte Sexualität reduziert werden könnte (Libidotheorie). Die auf ihn zurückgehende Psychoanalyse* hat auch heute noch die Vorstellung, dass man unbewusste Mechanismen durch Traumdeutung und “freie Assoziation” entschlüsseln könne. Auch wenn es Ärzte sind, die sich damit beschäftigen, so wird die Wirksamkeit der Psychoanalyse vielfach bezweifelt, denn nennenswerte Erfolge hat sie kaum aufzuweisen.          

Hubbard hat sich sehr intensiv mit dem R.V. beschäftigt. Er betrachtete ihn als selbständige Einheit, die unabhängig von Körper und Seele existiert. Nach seiner Definition besteht der R.V. aus

  • Unbekanntsein
  • Zeitlosigkeit
  • Überleben

Größter Nachteil des R.V. ist seine Unfähigkeit, die zurückliegende Zeit oder die Art des aufgezeichneten Geschehnisses für eine Differenzierung heranzuziehen. Alles ist gleich wichtig. So setzt zum Beispiel der Anblick eines bissigen Hundes sämtliche Alarmglocken in Gang, auch wenn der Biss eines solchen Tieres vielleicht schon 50 Jahre zurückliegt. (Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch die Definition von Phobie*.) Wegen dieser Unfähigkeit erschafft der R.V. für den hochentwickelten und mit Sprache ausgestatteten Menschen inzwischen wesentlich mehr Probleme als er löst. Dies ergibt sich insbesondere aus der Tatsache, dass der R.V. in der Lage ist,  zeitweilig die Kontrolle der menschlichen Emotionen und Handlungen zu übernehmen. Das sind zum Beispiel die Fälle, bei denen das Individuum in einen Erregungszustand gerät und etwas Verrücktes tut. Später hat die Person selbst keine Erklärung für ihr Verhalten. Manche berichten sogar, sie hätten gewissermaßen neben sich selbst gestanden und sich dabei beobachtet, wie sie etwas Schreckliches taten. Die Erregung, die in einem solchen Zustand gesprochen Worte sowie die begangenen Handlungen wurden der Person vom R.V. aufgezwungen. Gleichwohl wird sie von der Gesellschaft für ihr Verhalten verantwortlich gemacht und ggf. zur Rechenschaft gezogen. So sind die Gefängnisse voll von Leuten, die bei genauer Betrachtung selbst nicht wissen, warum sie dies oder jenes getan haben.

Der Bestrafungsaspekt ist also immer dann fragwürdig, wenn die Straftat vom R.V. veranlasst wurde. Ihm sind die gesellschaftlichen Konsequenzen völlig gleichgültig, denn er wägt nicht ab, sondern entscheidet nach seinem eigenen Programm wie ein Roboter. Dies macht zugleich deutlich, dass hohe Strafandrohungen nicht geeignet sind, reaktiv bedingte Straftaten zu verhindern. Morde werden auch dann begangen, wenn darauf die Todesstrafe steht.  

Der R.V. ist in diesem Kontext gleichfalls ursächlich für selbstzerstörerische Gedanken und Aktivitäten. Dazu zählen Suchtphänomene, Selbstabwertung, Selbsthass, Selbsttötung. Wer sich selbst nicht mag, kann auch für andere keine wirkliche Affinität empfinden. Die Folge ist eine als abscheulich und ausweglos empfundene Isolation, die sich vielfach in schweren Depressionen* manifestiert. Wer unter depressiven Verstimmungen leidet, sieht die Welt, wie sie ihm vom R.V. suggeriert wird, nämlich hässlich, grau und trist. Eine Fortsetzung des Lebens erscheint solchen Personen dann vielfach als sinnlos.      

Man hört gelegentlich die Auffassung, dass das Unterbewusstsein auch analytische Daten enthalte, die nur in Vergessenheit geraten sind und an die man sich nicht mehr (sofort) erinnern kann. Das trifft nicht zu. Der R.V. ist für den Menschen eine absolut entbehrliche Einrichtung, denn er enthält ausschließlich reaktive Daten. Der Rückruf analytischer Daten unterliegt einem anderen Mechanismus, der jedoch vom R.V. behindert und getäuscht werden kann. Je mehr der R.V. durch Auditing* beseitigt wird, desto besser funktioniert der analytische Rückruf des Menschen. Bei einem Clear* ist der eigene R.V. gar nicht mehr vorhanden. Dessen Abwesenheit bedeutet daher keinen Verlust, sondern einen Zuwachs an verfügbaren analytischen Daten. Als spirituelle Technik arbeitet Auditing deshalb zielgerichtet an der Beseitigung des R.V.

Der R.V. zeichnet rund um die Uhr detailliert alles auf, was er für gefährlich hält. Bei einem getrübten oder ganz ausgeschalteten Bewusstsein ist er besonders wach und aktiv. Getrübt ist das Bewusstsein zum Beispiel unter der Einwirkung von Alkohol. Die analytische Kontrolle lässt dabei nach oder fällt ganz aus. Der R.V. wird statt dessen schon durch nichtige Dinge restimuliert*. Unter Alkoholeinfluss kommt es daher bereits bei geringfügigen Anlässen zu Rohheits- und Tötungsdelikten.  

Ganz ausgeschaltet ist das Bewusstsein regelmäßig durch Narkotika. Wenn ein Patient zum Beispiel unter Vollnarkose operiert wird, speichert der R.V. fortlaufend alle Schmerzen, Geräusche, gesprochenen Worte, Gerüche usw. Eine solche Aufzeichnung nennt man Engramm*. Es kann bis zu 52 unterschiedliche Wahrnehmungen enthalten und zur Ursache schwerer psychosomatischer Krankheiten werden. Mit der Hilfe des Auditors ist der ehemalige Patient auch nach vielen Jahren oder Jahrzehnten noch in der Lage, diese Dinge, von denen er nichts wusste, zu finden und unschädlich zu machen.  Gleiches gilt für hypnotische Befehle, die vom Hypnotiseur direkt im R.V. verankert werden und von denen der Betroffene ebenfalls nichts weiß.

Wenn Sie nachts träumen, tauchen Sie tief ein in den Bereich des R.V. Sofern Sie sich morgens noch daran erinnern, bekommen Sie stets neu eine Realität darüber, wie chaotisch der R.V. strukturiert ist. Das, was Ihnen dort an verworrenen Bildern und Daten angeboten wird, stammt direkt von ihm. Stellen Sie sich vor, der analytische Teil Ihres Verstandes sei Ihnen abhanden gekommen und Sie müssten Ihr Leben alleine mit dem R.V. meistern. Sie wären hoffnungslos verloren. Der Psychotiker lebt bereits in einer Vorstufe dieses gedachten Szenarios. Bei ihm übt der R.V. ständig ein hohes Maß an Kontrolle aus und gaukelt Dinge vor, die in Wahrheit gar nicht vorhanden sind. Der Psychotiker sieht Bilder oder hört Geräusche (auch Stimmen), die er für Wahrnehmungen der Gegenwart hält, die aber tatsächlich Aufzeichnungen der Vergangenheit sind.

Das E-Meter* verschafft bei richtiger Anwendung kontrollierten Zugang zum Reaktiven Verstand


Anmerkung:
Reaktiver Verstand” ist die deutsche Übersetzung des englischen “reactive mind”. Dass “mind” hier mit “Verstand” übersetzt wurde, ist irreführend, denn im täglichen Sprachgebrauch wird Verstand i.d.R. mit Vernunft gleichgesetzt. Damit hat der R.V. aber nichts zu tun. In der englischen Sprache kann “mind” auch Gemüt, Psyche, Seele, Sinn, Gedanke, Vorahnung usw. bedeuten. Trotzdem trifft keines dieser Wörter exakt das, was “reactive mind” tatsächlich ist. Alternativ hat Hubbard daher den Begriff “bank” verwendet. “Bank” ist auch im Deutschen ein (nicht mehr häufig gebrauchtes) Wort aus der Computersprache und bedeutet einen definierten Bereich des Speichers. Und in der Tat kann man sich den R.V. als einen Gedächtnisspeicher vorstellen, in dem Sinneseindrücke abgelegt sind, die der Mensch in seinem dem Bewusstsein zugänglichen Erinnerungsspeicher nicht haben will.

Den R.V. nur als Speicher zu bezeichnen, wäre jedoch unzureichend, denn, wie oben bereits dargelegt, kann er selbst aktiv werden und massiv Kontrolle über das Individuum ausüben. Um beim Computervergleich zu bleiben, könnte man den R.V. als autonomen Rechner ansehen, der mit dem Hauptrechner vernetzt ist, aber ein verrücktes Betriebssystem besitzt. Die Vernetzung besteht auf eine Weise, dass dieser Nebenrechner beliebig in die Abläufe des Hauptrechners eingreifen kann, Letzterer jedoch keinen Zugriff auf den Speicher und erst recht nicht auf die “CPU” des Nebenrechners hat.   

Auch wenn der R.V. geistige Eindrucksbilder enthält, die per Definition aus Masse und Energie bestehen, ist er ein spirituelles Phänomen, denn er ist nicht im Gehirn zu finden und kann deshalb dort auch nicht behandelt werden. Solange sie eingenommen werden, können Psychopharmaka einige Manifestationen psychischer Erkrankungen unterdrücken, ihre Einnahme stellt jedoch keine Kausalbehandlung dar und führt deshalb auch nicht zur Heilung. Soll also zum Beispiel jemand von einer depressiven Erkrankung dauerhaft genesen, muss an den Stellen im R.V. angesetzt werden, die das verursachen. Am besten dadurch, dass man den R.V. mittels Auditing gänzlich beseitigt. Wird der betroffene Patient statt dessen nur mit Psychopharmaka behandelt, kann eine Depression sogar noch schlimmere Formen annehmen. Das Medikament kann zwar Reize vom R.V. fernhalten und auf diese Weise das Auftreten von Ängsten verhindern, es werden so jedoch auch positive Wahrnehmungen abgesperrt, die die Stimmung des Patienten anheben könnten. Am Ende erscheint ihm alles in einem einheitlichen Grau.  

Philosophisch besteht der R.V. auch nach dem Körpertod fort und wird von der unsterblichen Seele* weiter mitgeführt. Diese Annahme ergibt sich durch die Feststellung, dass der Mensch in der Lage ist, sich mittels geeigneter Techniken an Traumata* zu erinnern, die nicht aus dem aktuellen Leben stammen. Daraus leitet sich ab, dass der R.V. immer weiter anwächst und sich der psychische Zustand des Individuums dadurch kontinuierlich verschlechtert. Dies erklärt, warum manche Säuglinge oder Kleinkinder sich psychisch bereits in einem desolaten Zustand befinden, obwohl die Umwelt noch keine Gelegenheit hatte, schädigend auf sie einzuwirken. Eine Reinkarnation* würde daher keinen Neubeginn bedeuten, sondern auf dem aufbauen, was bereits vorhanden ist. Eine Selbsttötung wäre deshalb nur eine sehr kurzfristige Abhilfe für jemanden, der glaubt, seine derzeitigen Schwierigkeiten nicht länger ertragen zu können.

Jedoch macht die bildhafte Vorstellung, dass die Seele auch im körperlosen Zustand ein selbständiges Ding mit sich herumschleppt, das aus Energie und Masse besteht, nicht viel Sinn. Es liegt nahe, dass der R.V. in der obigen Definition eine Metapher und kein eigenständiges Etwas ist. Vielmehr dürfte der R.V. integraler Bestandteil der Seele selbst sein. Hinsichtlich seiner Einwirkungsmöglichkeiten auf das Individuum macht das letztlich aber keinen Unterschied.

Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch die Definitionen von
Psyche*, Fall* und Clear*.

    

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